«Bis zum Innersten»
Abschiedsrede Ina Karr
Sehr geehrter Herr Regierungsrat Dr. Hartmann, lieber Armin
liebe Präsidentin des Stiftungsrats, liebe Anja,
liebe Stiftungsrätinnen und –räte,
liebe Präsidenten unserer Freundeskreise und des Theaterclubs, lieber Jörg, lieber Ralf, lieber Philipp,liebe Kolleg*innen des Luzerner Theaters und anderer Theater,
liebe Freundinnen und Freunde,liebes Publikum, die ihr uns die letzten Jahre so intensiv begleitet habt,
Heute Abend ist etwas fundamental anders als sonst: Es ist das erste Mal in den vergangenen fünf Jahren, dass ich nicht weiss, was gleich auf dieser Bühne passieren wird. Meine Kolleginnen und Kollegen haben das Programm vorbereitet. Ich bin also genauso gespannt wie ihr und Sie. Bevor ich also gleich selbst Teil dieser Überraschung werde, möchte ich die Gelegenheit nutzen und Danke sagen, ein paar Gedanken mit euch teilen über das, was war – und über das, was bleibt. Denn eine Intendanz endet nie wirklich mit einem Schlussakkord. Sie endet mitten im Leben eines Theaters. Ein Theater, das morgen weiterarbeitet, weiterdenkt, weiterträumt und weiterspielt.
Als wir vor fünf Jahren mit dem Team in Luzern starteten, konnte niemand ahnen, unter welchen Bedingungen wir dieses Theater führen würden: Pandemie, infrastrukturelle Fragen und damit Diskussionen um die bauliche Zukunft des Hauses, kulturpolitische Debatten – die vergangenen Jahre waren nicht einfach. Umso dankbarer bin ich, dass wir uns von diesen Herausforderungen nicht haben bestimmen lassen. Wir haben dieses Theater nicht einfach verwaltet. Wir haben es weiterentwickelt. Wir haben das Profil eines modernen Mehrspartenhauses geschärft, neue künstlerische Impulse gesetzt und Ensembles aus starken Künstlerinnen und Künstlern aufgebaut, die dieses Haus weiter prägen werden. Wir haben auch hinter den Kulissen Strukturen geschaffen, die bleiben werden, wenn Personen wechseln.
Und wir haben das Junge Luzerner Theater gegründet. Für mich ist das ein Bekenntnis zur Gegenwart. Denn Kinder und Jugendliche sind das Publikum der Gegenwart. Und sie sind diejenigen, die dieses Haus künftig prägen werden. Wir haben damit neue Zuschauergruppen erreicht – und besonders viele junge Menschen für dieses Haus gewonnen.
«Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut» – schreibt Georg Büchner in seinem «Lenz». Ich finde, darin steckt etwas Wesentliches. Ob alles gelungen ist, darüber werden andere urteilen. Aber ich glaube, unser Credo war und ist immer, ein lebendiges Theater zu sein. Ein Theater, das offenbleibt – für neue Ideen, Fantasie, unterschiedliche Perspektiven und vor allem offen für die Menschen dieser Stadt und Region.
Das alles ist nie die Leistung einer einzelnen Person. Theater ist die Kunst, die einfach nur gemeinsam entstehen kann. Deshalb gilt mein erster und grösster Dank allen Mitarbeitenden dieses Hauses – auf, hinter und neben der Bühne. Für ihre Kreativität, ihr Engagement, ihre Geduld – und gelegentlich – gerade angesichts des Zustands dieses Hauses – auch für ihre Leidensfähigkeit.
Auch unser Stiftungsrat hat die Herausforderungen der letzten Jahre getragen. Anja – ebenso wie ihre Vorgängerinnen - haben uns als Stiftungsratspräsidentinnen mit grosser Energie und Leidenschaft unterstützt in dem Anliegen, die infrastrukturelle Zukunft des Luzerner Theaters zu sichern. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen des Stiftungsrates. Ich habe die Zusammenarbeit mit euch als sehr vertrauensvoll erlebt.
Danken möchte ich auch dem Zweckverband grosse Kulturbetriebe, der den Löwenteil unserer Betriebskosten übernimmt. Danke auch unseren Partnerinnen und Partnern, die mit uns zusammengearbeitet haben, sowie den Förderern und Unterstützerinnen dieses Hauses. Unsere drei Musketiere der Freundeskreise sind wirkliche Freunde des Luzerner Theaters und gemeinsam mit ihren jeweiligen Mitgliedern wichtige Wegbegleiterinnen.
Dank Ihnen - unserem Publikum.
Wenn ich heute einen Wunsch für die Zukunft dieses Hauses formulieren darf, dann diesen: Wenn dieses Theater ein Wohnhaus wäre, dann wäre es ein richtiges tiny house. Aber: dieses Haus ist grösser als seine Mauern. Grösser als seine Debatten. Und grösser als manche Vorstellung davon, was Theater heute sein kann.
Künstlerischer Überfluss steht seit jeher unter Verdacht. Schon Mozart musste sich anhören, seine Opern hätten zu viele Noten. Zum Glück hat er sich darum nicht wirklich geschert. Und wahrscheinlich haben auch ein Sophokles oder Aristophanes im antiken Griechenland ab und an zu hören bekommen, dass ihre Orgien, Bacchanale oder blutrünstigen Familienfehden «over» seien. Aber genau deshalb sind sie heute noch immer state of the art. Kunst war nie dafür da, vernünftig zu sein. Sie war immer dafür da, weiterzugehen, als man es für vernünftig hält. Sonst verändert sie nichts.
Mein Wunsch an meine Kolleginnen und Kollegen ist: Bleibt mutig. Bewahrt den Anspruch, nicht nur gut, sondern herausragend zu sein. Exzellenz bedeutet nichts Elitäres. Sie bedeutet, das Beste zu wollen – für die Kunst und für das Publikum.
Und ich wünsche mir für das Luzerner Theater, dass die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die dies weiter ermöglichen. Denn künstlerischer Mut braucht Verlässlichkeit. Künstlerische Zukunft braucht Infrastruktur. Manche Probleme können wir durch Kunst lösen. Für andere braucht es einfach einen Installateur.
Theater ist nicht teuer, weil es verschwenderisch ist. Es ist aufwendig, weil es Menschen zusammenbringt – aus über 60 Berufen. Und dazu ein Publikum. Wer das Theater verteidigt, verteidigt deshalb nicht nur eine Kunstform. Sondern er verteidigt die Idee, dass Grosses nur gemeinsam entstehen kann. Und genau deshalb glaube ich an das Luzerner Theater als Mehrspartenhaus. Und gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet, halte ich diese Idee für wichtiger denn je.
Joseph Beuys hat auf einen Papppommesteller geschrieben: „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung.“ Das klingt zunächst nach keiner besonders vernünftigen Lebensstrategie. Vermutlich ist es das auch nicht. Aber Theater gehört zu den wenigen Orten, an denen Menschen mit grosser Ernsthaftigkeit, Leidenschaft und Hingabe etwas versuchen, von dem niemand vorher weiss, ob es gelingt. (Und es gelingt auch nicht immer. Wahrlich nicht). Aber in diesem Zweifel des Gelingens liegt das Menschliche dieser Kunst und ihre grosse Schönheit. Und ihre Notwendigkeit.
Ich übergebe kein neu erfundenes Theater. Ich übergebe ein gewachsenes, sehr lebendiges Theater. Und eines, dem ich eine blühende Zukunft wünsche. Und ich wünsche allen meinen Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Haus wirken und im besten Sinne des Wortes ihre Kraft vergeuden, von Herzen, dass sie ihre künstlerische Kraft dafür behalten. Und dass ihr jedes Mal, wenn ihr etwas so Lapidares wie eine Papppommesschale in der Hand haltet, an diese Kraft denkt.
Und zum Schluss: Man verlässt ein Theater nie ganz. Über 100 Premieren, begonnen mit Kagels «Staatstheater» als grossem Aufschlag über die Theatergrenzen hinaus in die ganze Stadt und endend mit «Next Matters» unserer vielseitig begabten Tänzerinnen und Tänzer im UG – viele Menschen, viele Gespräche, viele Geschichten bleiben mit diesem Ort verbunden. Deswegen wird ein Teil von euch und ein Teil von mir immer mit diesem Theater verwachsen bleiben.
Danke für die gemeinsamen fünf Jahre – an alle auf, hinter, neben der Bühne und an unser Publikum. Danke für das Vertrauen, für die Zusammenarbeit, für die Begegnungen und Erfahrungen. Und vor allem: Danke für die gemeinsame Geschichte. Es war mir eine grosse Freude, Teil davon zu sein. Und für die Zukunft: Ich freue mich auf eure nächste Geschichte.
Hopp, Luzerner Theater! Ich wünsche dem Team um Katja Langenbach und Wanda Puvogel und euch allen für all eure Vorhaben toi toi toi!
Ina Karr